
Es ist schon bemerkenswert, dass in einem Land und in einer Stadt, die sich so ihren vermeintlich erfolgreichen Bemühungen zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der Bekämpfung des Antisemitismus rühmen, auch über 80 Jahre nach Kriegsende immer wieder neue „offene Deckel“ auftauchen. Es ist ein bisschen wie mit den Blindgängern, die, wenn sie gefunden werden, durch die aufwändigen Sperrungen, zum Erinnern mahnen.
So verwunderlich ist es aber auch nicht, weil es mit dem Aufarbeiten und Erinnern dann bei genauer Betrachtung nicht immer so weit her ist. Max Czollek hat in einem klugen Buch verdeutlicht, dass die oft folgenlose deutsche
Erinnerungskultur eher eine Aussöhnung der Deutschen mit sich selbst zum Ziel hat. Dass in Kassel auch im Jahr 2025 immer noch Rassisten und Antisemiten mit Straßennamen „geehrt“ werden, passt da bestens zu dem, was Czollek „Versöhnugstheater“ nennt. Und wenn bei weiten Teilen der Gesellschaft der Antisemitismus mit der gleichen Unerbittlichkeit und dem gleichen Fanatismus mal flott mit Antiislamismus ausgetauscht wird, ist es mit einer echten Aufarbeitung und Läuterung wohl nicht so toll gelaufen.
Bemerkenswert ist auch, was sich fernab von Kassel über Kassel in Erfahrung bringen lässt. Am Rande eines beruflichen Abendtermins in der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin bekam ich Ende September den Hinweis auf das verschwundenen Hexagramm am Eingang des Rathauskellers.
Aktuell befindet sich neben dem Eingang des Rathauskellers nämlich nur ein leeres Ornament. Im Onlinearchiv der Universität Kassel für Handschriften, Nachlässe, Autographe, Fotografien, Musikalien, Zeitschriften, Monografien und Karten (ORKA) findet sich aber ein Dokument (Signatur 35 HF A 7283, Historische Fotosammlung der Murhardschen Bibliothek), welches belegt, dass sich in dem Ornament früher ein Hexagramm befunden hat.
Ob es sich dabei um einen Davidstern oder um eine Darstellung des „süddeutschen Brauersterns“ handelt, ist nicht bekannt. Genauso wenig ist bekannt, wann, von wem und in wessen Auftrag das Hexagramm getilgt wurde. Es kann aber als gesichert gelten, dass antisemitischer Rassenwahn des Nationalsozialismus der Antrieb gewesen ist.
Wenn Kassel dem Anspruch, sich auch den dunklen Kapiteln seiner Geschichte zu stellen, auch nur annähernd gerecht werden will, dann kann die Stadt das jetzt beweisen. Es ist schon erstaunlich genug, dass die Geschichte und die Tilgung des Hexagramms seit 80 Jahren unentdeckt blieb bzw. nicht thematisiert wurde.
Gemeinsam mit meiner Kollegin, Ingrid Häußer-Domes habe ich nun den Antrag in den Magistrat eingebracht, noch in diesem Jahr im Sinne von Aufklärung, Erinnerung und Gedenken aktiv zu werden.
